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2. Abteilung für Opportunismus und günstige Angelegenheiten

Eröffnung 7 Mai – 27 Mai 2021

Die Diskurse dieser Abteilung nähern sich der Politikwissenschaft, der kolonialen Kritik und dem Kampf gegen den Extraktivismus. Der Titel birgt einen ironischen Blick gegenüber stereotypischen Bildern über die Gebiete des globalen Südens. Die sozialen Regeln dieser Länder überfordern die Konventionen und das Verständnis seitens des Westens. In vielen dieser Regionen erzeugte eine moderne Geschichte der Gewalt und des Machismo eine Kultur der Staatsputsche, die von dekadenten aristokratischen Klassen unterstützt wurden, deren Macht sich bis heute fortsetzt. Entsprechend der Geschichte und der aktuellen stereotypen Agenda gäbe es diese Länder mit billigen natürlichen Ressourcen, üppigen Landschaften, Narko-Partys und schönen Mädchen im Überfluss – ein Eldorado der Möglichkeiten, wo man mit Ausbeutung reich werden könnte wenn man es nur wollte. Die Werke und Aktionen in diesem Kapitel denunzieren Zensur, institutionelle Gewalt, Neo-Extraktivismen, die Beziehung zwischen Körper und Autorität, sowie Geschichten, die mit Blut und Eisen übereinander geschrieben wurden. Die Inhalte reflektieren über heterogene Modernitäten, in denen die Ausreifung politischer Szenarien und Ästhetiken gefördert wurde. Gleichzeitig entstanden in diesen ›anderen‹ Modernitäten neue soziale Ethosmuster, die die Unterdrückung und die Marktlogik verteidigen.

In der Konstellation der Positionen, die sich mit diesem Szenario beschäftigen, ist Risiko ein Element mit dem in den Städten performativ experimentiert wird. Dies erfolgt in einem Kontext der Agonistik der sozialen Mobilisierungen, wie es sich in Brasilien seit 2016 und in Chile seit 2019 entwickelt hat. Innerhalb dieser Abteilung kreieren Arbeiten von Cheril Linett, Matheus Rocha Pitta, Jaime Lauriano, Ana María Millán, Marylin Boror Bor, Andressa Cantergiani, Julia Mensch, Kiyoshi Yamamoto, PSJM und Daniela Ortiz eine eigene Erzählung, die durch Aktivitäten im öffentlichen Programm komplementiert wird.

Marilyn Boror Bor

Edicto Cambio De Nombre, 2018

Performance objekt

Granitplatte

2018 beantragte Marilyn Elany Boror die Änderung ihres Namens in Marilyn Elany Castillo Novella und ersetzte damit ihren indigenen Nachnamen durch den Namen von zwei der reichsten Familien Guatemalas. Dieser Akt war das Ergebnis ihrer Recherchen über die soziale Praxis der Namensänderung in Guatemala: Menschen mit indigenen Nachnamen ändern diese oft, wenn sie in große Städte ziehen, insbesondere in die Hauptstadt. Diese Praxis sei eine „Tarnung“, um Diskriminierung und Rassismus zu entgehen. Borors Namensänderung ging viral und war Gegenstand von Kontroversen in sozialen Netzwerken. Die Granitplatte, in die ihre Namensänderung eingraviert ist und die auf dem Boden liegt, ist wie ein Grabstein oder eine Gedenktafel, die die Erinnerung an ihren indigenen Nachnamen an einem Ort der Trauer lebendig hält. [Adaptiert von „This might be a place for hummingbirds“: Galerie im Körnerpark, Berlin, 16.11.19–05.02.20.] 

* Am 15. Mai wird das Kollektiv VOCES de Guatemala in Berlin die Platte in einer Prozession zwischen der nGbK und einem kollektiven Friedhof und Gemüsegarten, den das Kollektiv in Berlin-Neukölln pflegt, tragen.

Marilyn Boror Bor, Guatemala, 1984

Lebt und arbeitet in Guatemala. Die aus San Juan Sacatepequez in Guatemala stammende Maya-Kaqchikel-Künstlerin arbeitet in verschiedenen Medien wie Fotografie, Malerei, Druckgrafik, Installation und Performance. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Galerie im körnerpark Berlin, der Whitebox München, der Sur Gallery in Toronto, Kanada, der Galeria Muy in Mexiko, dem Museo Nacional de Arte Moderno Carlos Mérida in Guatemala, dem Museo Ixchel in Guatemala und dem Museum of Contemporary Art Santa Barbara in Kalifornien gezeigt; Instituto de las Artes de la Imagen y el Espacio Venezuela; Centro Cultural de España de Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica, Centro Cultural Municipal AAI, Guatemala; Museo de Arte Contemporáneo, el Salvador; Museo de Arqueología y Etnología de Guatemala; The 9. 99 Gallery Guatemala; Nuevo Museo de Arte Contemporáneo NUMU, Guatemala unter anderem.

Gewinner des Yaxs-Stipendiums für künstlerische Forschung 2017-2018; ausgewählter Künstler zur Teilnahme an der XIX, XX und XXII Biennale der Kunst Paiz -Trans/visible-, -Ordinario-Extraordinario- und -Perdidos.En Medio.Juntos-, Guatemala 2014 und 2016 und 2021; der Biennale des Südens “Pueblos en resistencia” Caracas, Venezuela und dem Internationalen Festival der Künste FIA, Costa Rica.

Ana María Millán

Elevación, 2019

Animation

Farbe, Ton, Vierkanalvideo

00:10’12”

Elevación” (2019) ist ein kollektives Projekt mit einer Gruppe Künstler_innen im Museum für Moderne Kunst Bogotá (MAMBO), das sich mit dem Ursprungsmythos der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) beschäftigt. Die Beteiligten orientieren sich dabei an den Erzählstrategien eines Comics der Bewegung namens „Marquetalia, Raíces de la Resistencia“ (Marquetalia, Wurzeln des Widerstands). Der Comic erzählt auf einfache Weise und anhand von Schlüsselfiguren, wie eine Gruppe von militanten Kommunist_innenen und Liberalen während des historischen Prozesses, der als „La violencia“ (1948 – 1958) bekannt ist, aus dem öffentlichen Leben vertrieben wird. Auslöser dafür war der Mord am sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliecer Gaitán und die daraus resultierenden sozialen Aufstände des „Bogotazo“ im Jahr 1948. Während der Diktatur von General Gustavo Rojas Pinilla (1953–1957) verbot die kolumbianische Verfassung 1954 die Militanz beim und die Zusammenarbeit mit dem internationalen Kommunismus. Aktive Kommunist_innenen und Liberale zogen sich in die Stadt Marquetalia im Departement Tolima zurück, einer bergigen Gegend in Zentralkolumbien. Sie gehören zu den ersten historischen Vorläufer_innen der Bewegung, die später als Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee (FARC-EP) bekannt wurde, und waren relevante Akteur_innen in dem bewaffneten Konflikt, der bis 2016 andauerte. Derzeit gibt es ein Friedensabkommen und die ehemalige FARC-EP ist eine legale politische Partei: COMUNES.

„Elevation“ ist ein Rollenspiel als 3D-Animation, eine Kontaktzone, um die affektiven, sozialen und kulturellen Erinnerungen einer Gesellschaft nach dem Trauma neu zu verhandeln und neu zu formulieren. Die Künstlerin schafft eine Welt, die ihre  eigenen Regeln hat, und die Teilnehmer_innen entwickeln Avatare mit übernatürlichen Kräften und inszenieren Ereignisse neu, formulieren alternative Ausgänge und andere mögliche Gegenwarts- und Zukunftsszenarien. Das Kunstwerk fördert auch den Austausch zwischen Influencer_innen und Subkulturen des Netzes auf technologischer, kultureller und kommunikativer Ebene, um eine Erfahrung der Versöhnung und der sozialen Neuvorstellung zu erzeugen.

Ana Maria Millán. Cali, Kolumbien, 1975

Lebt und arbeitet in Berlin.

http://anamariamillan.info/

Matheus Rocha Pitta

Eye for an Eye, 2019

Foto Benjamin Renter

Eisen, Zement, Papier, LED-Licht

Variable Abmessungen

Dieses Kunstwerk stellt eine Auseinandersetzung mit sozialer Gerechtigkeit dar. Bei der jüngsten Protestwelle in Chile im Jahr 2019 haben mehr als 400 Menschen ein oder beide Augen verloren, was durch absichtlich von der Polizei abgefeuerte Gummigeschosse verursacht wurde. Einer dieser erblindeten Demonstrant_inen sagte in einem Interview: „Was wir verloren haben und was wir gegeben haben, war nicht umsonst“. Die Skulptur, die Rocha Pitta angefertigt hat, ist ein gigantisches, kollektives Auge, welches an die Stelle dieser verlorenen Augen treten soll. Auge um Auge, Zahn um Zahn.  Wie sehr haben unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit mit Sichtbarkeit zu tun? Oder anders gesagt, warum muss Gerechtigkeit blind sein, um gerecht zu sein?

Matheus Rocha Pitta. Tiradentes, Brasilien, 1980.

Lebt und arbeitet in Berlin und Rio de Janeiro. Studierte Geschichte und Philosophie an der Universidade Federal Fluminense, Niteról, und der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro in Rio de Janeiro. Seine Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, unter anderem im Kunstverein Hamburg, Deutschland, 2020; Museu de Arte Moderna in Rio de Janeiro, 2018, Triennial Frestas, São Paulo, Brasilien, 2017; El Ranchito, Matadero Madrid, España 2014; The Great Acceleration, 9 Bienal de Taipei, Taipei, Taiwan 2014; Artesur, Collective Fictions, Nouvelles Vagues, Palais de Tokyo, París, Francia, 2013 y Kunst Im Tunnel, Düsseldorf, Alemania, 2013. Er war Stipendiat am Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2016-17). Er ist u.a. in den Sammlungen des Castelo de Rivoli, Turin, und des Museu de Arte Moderna in Bahia, Rio de Janeiro und São Paulo vertreten.

Andressa Cantergiani

Kampf, 2018

Performancedokumentation

6 Fotografien

30 cm × 40 cm

In einem weißen Overall verbrachte die Künstlerin acht Tage im Museo Militar del Comando Sur (MCCC) in Porto Alegre in Brasilien und setzte ihren Körper Panzern, Kampfwagen und Kanonen aus der Sammlung der Streitkräfte aus, um störende Verbindungen zu diesen Symbolen der Männlichkeit herzustellen. Inspiriert durch das intersektionale feministische Konzept der Schwesternschaft entstand ein kontrapunktisches Experiment in Zusammenarbeit mit acht Frauen, die der Künstlerin täglich Überlebenskits mitbrachten. Jeden Tag entspand eine poetisch-politische Sammlung, deren Grundausstattung aus warmer Kleidung und Essen bestand. Die Zahl Acht steht in Beziehung zu globalen feministischen Bewegungen wie 8M, Women’s March, MeToo, Ni una menos, 8A, #ELENÃO [der nicht] und anderen Bewegungen des politischen Kampfes für gesellschaftlich unterdrückte Minderheiten.

Andressa Cantergiani. Caxias do Sul, Brasilien, 1980

Bildende Künstlerin und Performerin, Mutter und Aktivistin. Lebt zwischen Berlin, DE und Porto Alegre, BR. Doktorandin in Bildender Kunst an der PPGAV-UFRGS und Forschungsstipendiatin an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst – Hoschulle Hannover – Deutschland. MA in Kommunikation und Semiotik an der PUC/SP. Hochschulabschluss in Darstellender Kunst an der DAD/UFRGS. Künstlerin vertreten durch Mamute Gallery, Porto Alegre-Brasilien. Leiterin der BRONZE Residenz und der Peninsula Galerie in Porto Alegre. Sie hat Residenzen, Projekte und Ausstellungen in verschiedenen Räumen auf der ganzen Welt durchgeführt, wie Fundação Iberê Camargo, Brasilien, Museum für zeitgenössische Kunst, MAC, Porto Alegre; Museum für zeitgenössische Kunst Bispo do Rosário, Rio de Janeiro, BR; Terra Una Residency, Minas Gerais, BR; Insurgencias, Berlin/DE, Despina/RJ. Ihre Werke befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen wie dem Museum of Art of Rio Grande do Sul, Porto Alegre.

Gustavo Artigas

Sin Título, 2003

© Gustavo Artigas, 2003

 Ortsspezifische Intervention

Geschichtsmuseum Panama-Stadt 

Video, 02‘44‘‘

Das Werk wurde vom mexikanischen Künstler Gustavo Artigas in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr der Hauptstadt Panamas realisiert. Die Intervention bestand darin,  das Rathaus mit Rauch zu füllen. Das Rathaus beherberg tdas wenig bekannte historische Museum (Museo de Historia), zu dessen Sammlung die Unabhängigkeitsurkunde des mittelamerikanischen Landes gehört. Die Reaktionen der Passant_innen reichten von völliger Gleichgültigkeit bis hin zu Schluchzen und Schreien. Ihre Reaktionen beruhten auf ihrem kulturellen Gedächtnis, d.h. Erinnerungen an ähnliche Ereignisse, die sich an mehreren Orten und mehrfach in der Geschichte von Panama-Stadt, die 1519 gegründet wurde und jahrhundertelang einer der wichtigsten Häfen für Europa und Amerika war, zugetragen hatten.

Gustavo Artigas. Mexico City, Mexico, 1970

In den letzten 25 Jahren hat Artigas mit verschiedenen Medien und Modalitäten der visuellen Kunst experimentiert, wie z.B. Sound Art, Site Specific Installationen, Performance Art, Relationale Arbeiten, pädagogische Plattformen, Lichtstücke und Malerei. Einige der erkennbarsten Einige der erkennbarsten Arbeiten von Artigas beziehen sich auf ludische Strukturen in Katastrophensituationen. Seine Arbeit steht im Dialog mit einer Vielzahl von Themen, von politischen bis hin zu sozialen Identitäten. Er wurde Teil der boomenden Gruppe zeitgenössischer mexikanischer Künstler, die in den 90er Jahren aufkamen und einen wichtigen Einfluss auf die internationale Kunstszene ausübten. Als Teil seiner Praxis leitet er spezialisierte Kreativitätsworkshops in Ländern wie Kanada, Argentinien, Panama, Frankreich, Spanien, Finnland und Mexiko. Von 2010 bis 2018 war er Professor für zeitgenössische Kunst an der Escuela Nacional de Pintura Escultura y Grabado La Esmeralda en la Ciudad de México. Seit 2018 leitet er gemeinsam mit der Kunstvermittlerin und pädagogischen Kuratorin Muna Cann die Initiative für zeitgenössische Kunst Art Links Inc. mit Sitz in Kanada. Einige Kollaborationen umfassen das MOCA Museum of Contemporary Art Toronto, TheSite Magazine und YYZ Artist Outlet.

Cheril Linett

Yeguada Latinoamericana, 2020

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Cheril Linett, 2020

Impresión digital en PVC / Digital Print on PVC / Digitaldruck auf PVC

200 cm × 300 cm

YEGUADA LATINOAMERICANA ist ein von der Künstlerin Cheril Linett geschaffenes und geleitetes Performance-Projekt, bei dem Frauen und sexuelle Dissident*innen eingeladen sind, sich zu beteiligen. An nationalen Feiertagen platzieren sie ihre Körper auf Straßen und öffentlichen Plätzen, um klassistische, patriarchale, koloniale und speziesistische Regime lächerlich zu machen und infrage zu stellen. Das Projekt wird von einer festen Performance- und Direct-Action-Gruppe entwickelt und verfolgt eine artenübergreifende Ästhetik und eine Ästhetik der Trauer. Beide finden im öffentlichen Raum statt und benutzen die Vorgehensweisen der staatlichen Ordnungskräfte für ihre Zwecke, indem sie in der Gegenwart Bilder und Situationen komponieren, die von der Yeguada Latinoamericana (der Herde) aktiviert werden.

Cheril Linett. Santiago de Chile, 1988

Performancekünstlerin und Theaterwissenschaftlerin. Autor des Performance-Projekts Yeguada Latinoamericana. Sie hat einen Abschluss in Theater und die Spezialisierung in Performancekunst der Universidad Academia de Humanismo Cristiano in Santiago de Chile. Sie begann ihre künstlerische Karriere 2015 mit der Teilnahme an Treffen, Festivals und vor allem mit eigenständigen Auftritten im öffentlichen Raum. Bis heute hat sie zahlreiche Werke realisiert und inszeniert, die in Performanceserien wie Coreografía de succión, Poética de las Aguas, Vertiente Fúnebre und Casa zusammengefasst sind. Derzeit ist sie Stipendiatin des Bühnenregieprogramms FITAM – Goethe-Institut Chile in Santiago de Chile.