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1. Platz des Kiosks

Eröffnung: 17 April – 05 Mai 2021

Das installative Kunstobjekt befindet sich mitten im Ausstellungsraum des museo de la democracia. Das Museum spiegelt sich hier wider. Der Kiosk bietet Güter für unmittelbaren Konsum wie Postkarten, Videos, Bücher, Publikationen an, die sich während der Ausstellungszeit verändern und überlagern. Ein Kiosk befindet sich mitten im schachbrettartigen Grundriss einer Stadt und bringt uns, mit einer täg- lichen Ökonomie von Zuneigung, Mobilisierung und Belagerung in Berührung. Er ist ein Referenzpunkt für Erfahrungen des Lebens in der Stadt. Hier und jetzt wird er zu einem Ort der Verschiebung der sozialen und territorialen Ordnung. Der Kiosk wird zum Ort der Neuinterpretation und Aktivierung des öffentlichen und privaten Lebens. ›Plaza del Kiosco‹ ist ein Oxymoron, das den Alltag in den Mittelpunkt rückt.

Es handelt sich um eine Umgebung der Inkubation und Explosion des gemeinsamen Lebens. Im Inneren und an seinen äußeren Wänden befinden sich Positionen, die an die Bedeutungsparameter der Gründungsnarrative und der Konstitution des kulturellen, politischen und sozialen Lebens der lateinamerikanischen Republiken der Gegenwart appellieren. Werke wie die von Víctor de la Rocque, Andrés Durán, Zoltan Kunckel und Dulce Pinzón reformulieren Ikonografien, Denkmäler, Mythen und Geschichten, die sich auf die Rolle des ›Helden‹ als Mittel der politischen Repräsentation beziehen.

Die Arbeiten von Gustavo Artigas, Valeria Fahrenkrog & MITKUNSTZENTRALE, Michael Wesely und Doris Salcedo experimentieren mit der affektiven und historischen Natur der von mobilisierten Bürger_innen besetzten öffentlichen Räumen. Die Galería CIMA in Santiago de Chile dokumentiert ihrerseits permanent mittels einer Überwachungskamera die Plaza Italia/Plaza Dignidad, das Epizentrum der sozialen Bewegungen seit Oktober 2019. Im Ausstellungsraum wird ein Videoschnitt der relevantesten Episoden dieser Aufstände gezeigt und über einen QR-Code erhalten die Besucher_innen Zugang zu einem Live-Stream des immer noch aktiven Protestgebiets.
Die Arbeit von Julia Weist & Nestor Siré verwandelt den Kiosk in einem Informationsverteilungsknoten. Ihre eingesetzten Geräte übersetzen und transferieren die Interaktivität des Internets und schaffen einen Zugang für die kubanische Gesellschaft, von der große Teile darunter leiden weiterhin ›offline‹ zu sein. Diese Praxis hat ihre Ursprünge in Kubas klandestinen Systemen aus den 1970er Jahren.

2. Abteilung für Opportunismus und günstige Angelegenheiten

Eröffnung 7 Mai – 27 Mai 2021

Die Diskurse dieser Abteilung nähern sich der Politikwissenschaft, der kolonialen Kritik und dem Kampf gegen den Extraktivismus. Der Titel birgt einen ironischen Blick gegenüber stereotypischen Bildern über die Gebiete des globalen Südens. Die sozialen Regeln dieser Länder überfordern die Konventionen und das Verständnis seitens des Westens. In vielen dieser Regionen erzeugte eine moderne Geschichte der Gewalt und des Machismo eine Kultur der Staatsputsche, die von dekadenten aristokratischen Klassen unterstützt wurden, deren Macht sich bis heute fortsetzt. Entsprechend der Geschichte und der aktuellen stereotypen Agenda gäbe es diese Länder mit billigen natürlichen Ressourcen, üppigen Landschaften, Narko-Partys und schönen Mädchen im Überfluss – ein Eldorado der Möglichkeiten, wo man mit Ausbeutung reich werden könnte wenn man es nur wollte. Die Werke und Aktionen in diesem Kapitel denunzieren Zensur, institutionelle Gewalt, Neo-Extraktivismen, die Beziehung zwischen Körper und Autorität, sowie Geschichten, die mit Blut und Eisen übereinander geschrieben wurden. Die Inhalte reflektieren über heterogene Modernitäten, in denen die Ausreifung politischer Szenarien und Ästhetiken gefördert wurde. Gleichzeitig entstanden in diesen ›anderen‹ Modernitäten neue soziale Ethosmuster, die die Unterdrückung und die Marktlogik verteidigen.

In der Konstellation der Positionen, die sich mit diesem Szenario beschäftigen, ist Risiko ein Element mit dem in den Städten performativ experimentiert wird. Dies erfolgt in einem Kontext der Agonistik der sozialen Mobilisierungen, wie es sich in Brasilien seit 2016 und in Chile seit 2019 entwickelt hat. Innerhalb dieser Abteilung kreieren Arbeiten von Cheril Linett, Matheus Rocha Pitta, Jaime Lauriano, Ana María Millán, Marylin Boror Bor, Andressa Cantergiani, Julia Mensch, Kiyoshi Yamamoto, PSJM und Daniela Ortiz eine eigene Erzählung, die durch Aktivitäten im öffentlichen Programm komplementiert wird.

3. Büro der Träume

Eröffnung: 28 Mai – 13 Juni 2021

Das dritte Kapitel ist zugleich die Abteilung für öffentliche Aktivitäten des museo de la democracia. ›Das Büro wird in Zusammenarbeit mit Künstler_innen, Spezialist_innen und Akteur_innen unterschiedlicher soziokultureller Gruppen entwickelt. Sein Programm verbindet sich mit Initiativen und kulturellen Mikrophänomenen, die in Lateinamerika aktiv sind. Die Arbeiten in diesem Kapitel korrespondieren mit dem parallelen, pädagogisch- reflexivem Veranstaltungsprogramm. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier dem in der Region recht präsenten Modell des Gemeinschaftsmuseums. Diese ›Museos Comunitarios‹ basieren auf dem Wunsch, das kollektive Gedächtnis der Gemeinschaften neu herzustellen, ihm eine Bedeutung zu geben und es zu systematisieren. Das kollektive Gedächtnis soll als Werkzeug für die Verteidigung der eigenen Identität benutzt werden – im Widerstand gegen historische Prozesse des Verstummens und der Unterdrückung.

Das Museum präsentiert Positionen und Kollaborationen mit Projekten unterschiedlicher Künstler_innen, die in Beziehung zu Gemeinschaftsmuseen in Lateinamerika stehen. Die Arbeit von Maria Thereza Alves »Son del pueb-
lo« beispielsweise bezieht sich auf die archäologische Sammlung des Museo Comunitario del Valle de Xico (Xico-Tal Gemeinschaftsmuseum), am Stadtrand von Mexiko-Stadt. Marcela Moraga arbeitet gemeinsam mit einem Kollektiv junge_r Aktivist_innen daran, das Museo del Agua (Museum des Wassers) in der Kommune Renaico im Süden Chiles zu gründen. Julia Mensch kooperiert mit dem Museo del Hambre (Museum des Hungers).

Eine der wichtigsten Ressourcen des Museums ist das Audioarchiv »Archivo sonoro militante – Las protestas de las calles de América Latina« von der Künstlerin Manuela García Aldana in Zusammenarbeit mit dem ›Oficina de Sueños‹ des museo de la democracia. Dieses Programm untersucht die Klangdimension der Revolten und Proteste, indem eine Sammlung anonymer Audiomaterialspenden eingerichtet wird.